In meinem letzten Artikel wurde die „Woche der Solidarität mit Anarchistischen Gefangenen“ behandelt sowie allgemeine Knastsolidarität. In diesem Erfahrungsbericht möchte ich eine andere Art des „Gefängnisausbruchs“ näher beleuchten. Die Rede ist vom sogenannten „Jailbreak“, einem Konzept das nicht die tatsächliche Flucht aus einer Haftanstalt beschreibt, sondern die Befreiung von proprietären Betriebssystemen. Ferner soll es um „Hacking“, „Modding“ und „Homebrew Software“ gehen, wie viel anarchistische (und antikapitalistische) Praxis darin steckt und welchen nachhaltigen Nebeneffekt es auslöst. Keine Sorge: Der Anspruch dieses Textes bleibt einsteigerfreundlich, Leser*innen benötigen kein besonderes Fachwissen (spezielle Begriffe sollen soweit möglich erklärt werden) und das Ziel wird keine Abhandlung technischer Theorie, sondern wie Eingangs erwähnt, ein persönlicher Erfahrungsbericht, mit Empfehlungscharakter.
Tatsächlich, bin ich auch kein Experte. Vieles von diesem technisch „versierten“ Wissen, musste ich mir mühevoll aneignen. Vielleicht hat es geholfen, dass mein intrinsisches Interesse stärker ausgeprägt ist, als bei anderen Verbraucher*innen und es mir daher leichter fällt in diese Thematik einzutauchen, aber gleichzeitig bin ich der absolute Amateur und begreife die meisten Inhalte nur oberflächlich. Daher sehe ich mich in einer Vermittlerrolle. Mein Versuch ist es, andere mit der Faszination von digitaler Selbstbestimmung anzustecken und praktische Beispiele aufzuzeigen, wie Endnutzer*innen ein neues Verständnis für ihre Geräte entdecken können, ohne mich in, und andere an technischer Fachsimpelei zu verlieren.
Fangen wir daher mit dem Grundgedanken des „Jailbreaks“ an. Zum ersten Mal in Berührung gekommen bin ich mit diesem technischen Eingriff noch als kleines Kind. Ganz selbstverständlich wurden im Freundeskreis meiner Familie die frühen Generationen des „iPhones“ und „iPod-Touchs“ von „Apple“, mit Jailbreaks bespielt. Inzwischen benutzten die meisten Verbraucher*innen entweder ein Mobiltelefon von Apple, oder das eines x-beliebigen anderen Herstellers. Dementsprechend sind die zwei populärsten Betriebssysteme „iOS“ für Apples iPhone, oder „Android“ von Google. Betriebssysteme (eng. Operating System, kurz OS) beschreiben im Wesentlichen die Schnittstelle zwischen der „Hardware“ (also dem reinen Gerät, bzw. Computer) und ihren Nutzer*innen. Es erlaubt das Ausführen der „Software“ (Programme und Apps zählen als Software) und bestimmt die Ästhetik, die grafische Benutzeroberfläche (eng. Graphical User Interface, kurz GUI) mit der wir arbeiten und schlussendlich das technische Produkt Dinge tun lassen. Wenn also ein Finger die Kamera-App unseres Smartphones berührt, diese dann startet und wir ein Foto mit der Kameralinse schießen, war das Betriebssystem zuständig diese Prozesse zu koordinieren. Vom Erkennen des Tastendrucks auf dem Touchscreen, zur Benutzung der Kamera bis zum Speichern des Bilds.
Apple setzt dabei auf eine einheitliche Designphilosophie. Aussehen der Systemumgebung, wie sie sich anfühlt und wie sie benutzt werden darf. Es handelt sich um ein geschlossenes System, um proprietäre Software, das heißt Apple ist Lizenzeigentümer der zur Verfügung gestellten Programme und kuratiert gleichzeitig, welche Apps ausgeführt werden dürfen und welche nicht. Die Nutzer*innen eines Apple Produkts sind also abhängig vom digitalen Ökosystem des Herstellers und besitzen keine freie Entscheidungsgewalt über die Verwendung ihres gekauften Besitzes. Als Verkaufsstrategie setzt der Konzern auf ein ästhetisch ansprechendes Design, das Konsument*innen ausschließlich von iOS erwarten können und verspricht besondere Leistungsfähigkeit und Sicherheit, weil ja alles, bis aufs kleinste Detail, aufeinander abgestimmt ist. Marketingstrategisch ergibt sich daraus eine Halbwertszeit. Die Anforderungen des Betriebssystems steigen mit der Zeit, Programme benötigen mehr Ressourcen und technische Entwicklungen fordern mehr Leistung und mit jedem Systemupdate wird das Gerät langsamer, denn die verbaute Hardware bleibt, wie sie ist. Auch wenn das ein nachvollziehbarer Verlauf der Dinge ist, Technik veraltet nun mal und wird durch modernere Prozesse ersetzt, hilft Apple künstlich nach. Das tatsächliche Potential eines Applegeräts wird vom Hersteller zu Gunsten neuer Produkte bewusst ausgebremst. Bis zu einem gewissen Grad erhalten ältere Generationen einer iPhone-Reihe noch die gleichen Updates wie die Nachfolger. Dann werden sie aufgrund technischer Limitationen links liegen gelassen und bereits davor wurden Steine in den Weg gelegt, die den Leistungsabstand zu früher deutlich kennzeichnen. Brauchbar wie ein Stein wird dieses ehemalige Luxusgut dann ebenfalls, oder es werden auf etliche Systemerneuerungen verzichtet und dafür Sicherheitslücken in Kauf genommen.
Populär geworden ist das Prinzip des Jailbreaks deswegen in Bezug auf Apples geschlossenen Mikrokosmos. Hacker*innen und Tüftler*innen gaben sich nicht zufrieden mit Apples einschränkender Politik und verschafften sich Zugang zu den inneren Mechanismen. Der Jailbreak erfolgt also zunächst als Einbruch, indem bereits vorhandene Schwachstellen der Software, oder Sicherheitslücken im Gerät ausgenutzt werden, um Kernstücke des Betriebssystems zu modifizieren und dadurch vollständige Nutzungsrechte zum Root-Konto zu erhalten (Root eng. Wurzel, ist der Ursprung des gesamten Systems, darauf gehen Verwaltung und Prozesskontrolle aller relevanten Vorgänge zurück). Der Gefängniswärter wird nicht einfach ausgetauscht, stattdessen gibt er die Schlüssel ab, die Zellen werden geöffnet und die Haftanstalt zum Spielplatz, um bei dem Bild des Gefängnisausbruchs zu bleiben. Denn mit Root-Rechten können nicht nur eigene Programme installiert, sondern auch vorher unlöschbare, aufgezwungene Apps entfernt werden. Nach einem Jailbreak ist Apples „App Store“ nicht mehr die einzig verfügbare Option zum Herunterladen von Software. Geöffnet wird die vorher verschlossene Maschine für „Free Open-Source-Software“ (FOSS).
Open-Source ist inzwischen bestimmt den meisten ein Begriff, aber um die politische Dimension hinter quelloffenen Programmen zu beschreiben, hier ein kleiner Vergleich: Angenommen, es haben alle Personen einer Gemeinschaft Zugang zu den gleichen Zutaten, um Medizin herzustellen. An einem gewissen Rezept wurden Mithilfe öffentlicher Mittel geforscht, die Herstellungsmethoden beruhen auf altem Wissen und sind lange überliefert. Nun wird das Produkt aber von einem privaten Unternehmen lizenziert, die Herstellungsformel der Öffentlichkeit vorenthalten und die unbefugte Verbreitung unter Strafe gestellt. Wäre die Rezeptur quelloffen, beziehungsweise stünde sie unter der Copyleft Lizenz (Gegenteil des einschränkenden Copyright-Modells), hätten alle die Möglichkeit den Herstellungsprozess zu duplizieren, optimieren, oder zu variieren. Das Originalrezept besteht weiterhin, aber es existieren auch angepasste Ableger, die einem spezifischen, oder individuellen Nutzen besser entsprechen. Vielleicht gibt es auch auf dem Grundrezept basierende Weiterentwicklungen, die ein völlig neues Produkt, das einen anderen Bereich abdeckt, zustande bringt. Aber es ist jederzeit prüfbar, welche Zutaten drinstecken und wie sie sich verhalten. Es gibt einige Personen die bestimmte Inhaltsstoffe nicht vertragen? Gar kein Problem, die Zusammensetzung ist anpassbar und für die Interessengruppe frei zugänglich. Dieses homöopathische Mittel ist medizinisch gesehen völlig nutzlos, würde sich aber prima als Süßigkeit eignen? Fantastisch, zum Glück haben wir Zugriff auf die Produktionsbeschreibung und können diese verfeinern, damit es als Genussmittel taugt.
Die Idee lautet Kooperation statt Konkurrenz. Konkurrierende Systeme, die auf Geheimhaltung und Eigentum beruhen, wollen nicht im Interesse der Nutzer*innen, beziehungsweise Konsument*innen das beste Produkt schaffen, sondern für den persönlichen Gewinn und Profitmaximierung. Kooperierende Systeme schaffen das beste Produkt durch Mitwirkung und Austausch, weil der Nutzen und die Nutzung das Ziel sind.
Jailbreaks etablierten bereits iPhone Funktionen, die erst spätere iOS Updates implementierten. Die freie Nutzung des Geräts erlaubt es also, sinnvolle Änderungen und Ergänzungen vorzunehmen, die Apple erst später umzusetzen wusste. Daran zeigen sich anarchistische Grundzüge der direkten Aktion. Aus Unzufriedenheit mit den Umständen, entstehen eigene Lösungsansätze und die werden ohne lange Warteprozesse umgesetzt. Gelingt die Lösung und das Problem wurde beseitigt, werden die Ergebnisse geteilt. Tauchen neue Probleme auf, oder die ursprünglichen Komplikationen sind noch da, wird kollektiv an der Strategie gefeilt. Niemand hat was davon, nur für sich das System aufzubrechen. Am Anfang ist es vielleicht die Neugier. Was ist möglich, wie weit kann vorgedrungen werden? Aber sobald die Lücken gefunden worden sind und die Sperre aufgehoben, ist es wirkungsvoller, dieses Wissen zu teilen, statt für sich zu behalten. Erst durch die Mitwirkung vieler wird die Weiterentwicklung und Kultivierung von Open-Source-Projekten vorangetrieben.
Selbst Jahre später ist diese Bastler*innen Szene noch sehr aktiv und die ältesten Geräte werden unterstützt. Gemeint sind nicht nur Mobiltelefone von Apple, sondern auch Spielkonsolen. An dieser Stelle wird es vielleicht etwas nischig, zeigt aber den breiten Verwendungsbereich digitaler Selbstverwaltung gut auf und eröffnet die Möglichkeit über unseren Umgang mit Medien und Technik zu sprechen.
Geboren Ende der Neunziger, bin ich selbstverständlich mit Videospielen aufgewachsen. Doch als Kind im Osten eines armen Elternhauses haben teure Spielkonsolen mich erst spät begleitet. Erschwinglich hingegen waren sogenannte „Handhelds“, wie zum Beispiel der „Gameboy“ und später „Nintendo DS“. Wahrscheinlich können einige damit gar nichts anfangen, vor allem Personen die nach 2010 geboren sind. Smartphones sind vielseitige Geräte, sie können Fotos schießen, wie ein kleiner Computer im Internet surfen und unterstützen es unterwegs Videospiele zu spielen. Der Gameboy hingegen war nur aufs digitale Spielen ausgerichtet. Ein Stück Plastik mit Bildschirm, integrierten Lautsprechern und Knöpfen. Vergleichbar mit Kassetten (oder SD-Karten), müssen die Modulartigen Spiele eingesteckt und getauscht werden, um das darauf gespeicherte Spielprogramm laden zu können. Natürlich spielte der Gameboy nur vom Hersteller Nintendo lizenzierte Module ab. Diese Sperre ist, aufgrund der alten Architektur des Gameboys, aber leicht zu umgehen und seit den 2000ern hat sich eine interessante Subkultur entwickelt, die noch für die originale Hardware programmiert.
Fast 40 Jahre alt ist diese 8-Bit Systemstruktur und weist einige Limitationen auf, die genau den kreativen Reiz ausmachen, eigene Spielideen trotz schwacher Leistung und simpelster Grafik umzusetzen. Über alle Mittel und Möglichkeiten des künstlerischen Ausdrucks zu verfügen kann befreiend sein. Sich aber bewusst Herausforderungen zu stellen, unbekanntes auszuprobieren und gewohnte Muster abzulegen, führt häufig dazu um die Ecke denken zu müssen, das komplette Potential auszuschöpfen und schafft erfrischende Ideen. Noch heute experimentieren Hobbyentwickler*innen mit diesen Einschränkungen und veröffentlichen eigene Gameboy-Spiele auf modifizierten Modulen, die von Originalgeräten erkannt werden. Die Vorstellung, nach mehr als drei Jahrzehnten, ein solch authentisches Erlebnis zu kreieren, dass den gleichen Widrigkeiten wie Anfang der 90er unterliegt, ist äußerst charmant. Moderne Konzepte und Erfahrungen treffen auf längst vergangene und überholte Technik und machen sie zeitlos.
Konserviert werden kann aber noch mehr als die grafische Leistung. Unter dem Einfluss des Hardcore Punks entstand zu Beginn des Millenniums ein musikalisches Genre namens „Nintendocore“. Dieses Phänomen wiederum bedient sich der älteren Spielart des „Chiptune“, wie der Name schon sagt, eine Klangerzeugung durch die Soundchips klassischer Maschinen. Ausschlaggebend für „Nintendocore“ waren selbst entwickelte Musikprogramme (Sequenzer), die Mithilfe der Hardwareumgebung des Gameboys Klänge produzieren.
Der Clou ist, diese Software kann auf Spielmodule geladen werden, die aus dem klassischen Handheld von Nintendo ein Musikinstrument machen. Es erlaubt eigene Tonabfolgen aus dem vollen Umfang des originalen und wiedererkennbaren Gedudels der Retro-Konsole zu programmieren. Der Gameboy selbst verfügt nur über vier Kanäle, mit jeweils unterschiedlichen Klangcharakter, die ihre Töne nacheinander abspielen. Dementsprechend bedarf es trickreicher Kompositionen, um komplexe und eingängige Melodien zu kreieren. Dieser spielerische Aspekt macht diese Form des Musizierens aber so einzigartig. Es ist eine Art Synthesizer mit ikonischem Klang, der trotz überschaubarer Funktionen, vielseitige Musik produziert. Es gibt Bands die den 8-Bit Sound mit Schlagzeug und verzerrter Gitarre unterstützen, aber auch einzelne Musiker*innen die Mithilfe der Gameboy Töne Backtracks erstellen und darüber singen. Schöne Beispiele dazu finden sich auf der Plattform „Bandcamp“, von den Künstler*innen „Kem Trail“ oder „bauStelle“.
Nintendos Konzept einer mobilen Videospielkonsole ging auf und es folgten technisch anspruchsvollere Geräte. Den kommerziellen Höhepunkt erreichte der „Nintendo DS“, der statt nur eines Bildschirms, noch über einen Touchscreen verfügt und praktischerweise zusammenklappbar ist. Videospiele werden auch beim DS noch über SD-Karten ähnliche Module geladen, aber benutzbar ist die kleine Taschenkonsole auch ohne Spiele dank der grafischen Benutzeroberfläche. Dessen Nachfolgegerät verfügt als Gimmick ein Display mit Tiefeneffekt und soll das Erlebnis eines 3D-Fernsehers ohne 3D-Brille simulieren. Der „3DS“, wie er passend genannt wird, kam 2011 auf den Markt und konnte nicht an den Erfolg seines Vorgängermodells anschließen. Zu Beginn fehlte es an neuen Spielen und trotzdem besitze auch ich einen 3DS, weil nerviger Weise ein Titel einer mir wohlgesonnen Reihe exklusiv für Nintendos 3D-Experiment veröffentlicht wurde. Nach wenigen Jahren des Spaßes verschwand diese Jugendsünde in der Versenkung. Nützlich erwies es sich als Leihgut für meine Geschwister. Es war dann in der Endphase der Pandemie und das alte Spielgerät fand irgendwie den Weg zurück in meine Hände. Bis auf einen gewissen sentimentalen Wert, hatte ich kaum mehr einen Nutzen dafür und entschloss mich für die Option des Jailbreaks als Wiederbelebungsmaßnahme.
Dieser Frankensteinartige Eingriff erwies sich als erfolgreiche Entscheidung und zu Teilen auch als Motivation diesen Artikel zu verfassen. Der Jailbreak selbst war erstaunlich unkompliziert auszuführen und Mithilfe des Internets hatte ich meinen kleinen, elektronischen Begleiter innerhalb von zwei Stunden aus Nintendos Klauen befreit. Nicht nur habe ich dem 3DS neues Leben eingehaucht, sondern auch eine neue persönliche Bindung aufgebaut. Auf Reisen, oder Zuhause, wenn ich dieses Stück Plastik in den Händen halte, das von außen wie jedes andere Modell aussieht, weiß ich, dieser Gegenstand gehört tatsächlich mir. Ich habe das innere so angepasst, dass es meinen Bedürfnissen entspricht, der Code wurde von mir überschrieben, ich habe absoluten Zugriff auf die interne Funktionsarchitektur.
Es ist ein spätes Geschenk an mich selbst und mein früheres Ich, das mit dem Gameboy und seinen Nachfolgern, sowie dem Nintendo DS aufgewachsen ist. Denn mein modifizierter 3DS erlaubt es, all diese vergangenen Erlebnisse aufrechtzuerhalten. Jahrzehnte an Videospielkultur kann dieses Gerät wiedergeben, nicht nur von vorangegangenen Handhelds, sondern auch Nintendos Retro-Konsolen. Wer mag, kann aber auch die Funktionen über das reine Spielen erweitern und experimentelle Software auf das System laden, ob YouTube-App, Steuerungsmöglichkeiten für Media-Server wie Spotify, ein E-Reader, Text Editoren, Linux-Betriebssysteme und vieles mehr. Persönlich bevorzuge ich die minimalistische Herangehensweise und teile die Nutzungsmöglichkeiten lieber auf viele, dezidierte Endgeräte auf, statt das alles, alles leisten muss. Primär nutze ich den modifizierten 3DS daher für seinen ursprünglichen Zweck. Als Videospiel Konsole. Als angenehmen Nebeneffekt erlebe ich eine Entschleunigung und bewusste Auseinandersetzung mit Medienkultur. Zwar steckt die alte Hardware im Rahmen ihrer eingeschränkten Leistung fest, blickt aber auf eine Fülle qualitativ anspruchsvoller Inhalte zurück, die im schnellen Tempo des Fortschritts, häufig übersehen werden. Die Wertschätzung und mein Bezug als Rezipient fühlen sich intensiver an, da die Pflege, Kuration und Beschäftigung mit dem System und der Software eine persönlichere Ebene eingenommen hat. Es wirkt nachhaltiger, diese verbaute Technik bei den ersten Abnutzungserscheinungen nicht zu ersetzen, sondern von den kommerziellen Fesseln zu befreien und das volle Angebot der Spiele-Bibliothek auszureizen.
Skrupellos ziehe ich mir die Spiele aus dem Netz und direkt auf die Speicherkarte. Warum auch nicht? Diese digitalen Güter sind teilweise mehr als 20 Jahre alt, die Produktionskosten längst abbezahlt und der Hersteller Nintendo hatte wiederholt einen Mehrgewinn. Dieses Argument ist auf jedes Unterhaltungsmedium anzuwenden und ob Videospiele unter der Kategorie „Kunst“ gelten, oder nicht, ist unerheblich, jedes Werk menschlicher Kreativität hat das Recht vervielfältigt zu werden. Der Begriff „Raubkopie“ ist ein Oxymoron und verschiebt den Diskurs zu Gunsten der Lizenzinhaber und Konzerne. Das Original wird nicht geraubt, es wird vervielfältigt. Interessanterweise stammt das Wort „Privatisierung“ vom lateinischen Begriff „privatus/privare“ und kann als Raub übersetzt werden, der Beraubung des Öffentlichen, der „Republik“, oder um sich einer anarchistischen Phrase zu bemühen: „Eigentum ist Diebstahl“. Deutlich sympathischer ist die Bezeichnung „Internet Piraterie“. Aufgrund zufälliger Ähnlichkeiten wurde sich diese als Schmach gedachte Fremdbezeichnung angeeignet. Historisch plünderten Pirat*innen zwar auch, aber die Assoziation mit diesen Seeräuber*innen enthält das Bild einer Gemeinschaft. Es bezieht den Kollektivismus der „Freikultur Bewegung“ ein, die aus online Aktivismus, Hacker*innen Ethik und dem Gedanken von Free Open-Source-Software hervorgeht. Angestrebt wird ein offener Umgang mit Lizenzrechten und eine Tauschkultur, die einen freien Zugang erlaubt zu Informationen und Medien.
Im Endeffekt geht es den Konzernen auch nicht um den Schutz ihrer Künstler*innen, sondern um Profitmaximierung. Die Produktionsfirmen leisten Investitionen und wollen dieses Geld wiedersehen, in exponentieller Anzahl. Nicht selten wird dann in den Schaffensprozess eingegriffen, um Inhalte zu zensieren, oder Änderungen einzufordern, um die Verkaufszahlen zu steigern. Wir erleben immer wieder, wie junge Musiker*innen von ausbeuterischen Plattenverträgen verprellt und Serien gecancelt werden wegen unzufriedenstellender Zuschauerzahlen, oder Videospielentwickler*innen unbezahlte Überstunden leisten, um unrealistische Veröffentlichungsdaten zu verwirklichen. Die Rechte von Konsument*innen werden auch stetig beschnitten. Sei es der Kopierschutz von CDs und DVDs, oder sogar Regionalcodes, die es erschweren US-amerikanische, oder japanische Filme auf europäischen Abspielgeräten zu gucken. Streamingdienste rühmten sich einst mit niedrigschwelligen Angeboten, lassen uns aber immer wieder die Abhängigkeit zum Produkt spüren. Steigende Abo-Preise, verunmöglichen der Kontoteilung, exklusive und unzuverlässige Bleibedauer der Inhalte je nach Plattform und Werbeclips trotz Bezahlung.
Die Existenz physischer Medien schwindet und damit auch der tatsächliche Besitz. Wir sollen uns an einen digitalen Medienkonsum gewöhnen, der permanente Kosten erfordert und nur temporäre Nutzungsrechte erlaubt. Selbst wenn Filme, Musik und Computerspiele auf Plattformen erworben werden, unterliegen sie häufig der „Digitalen Rechteverwaltung“ (DRM) und schränken Weitergabe und Weiterverkauf ein. Eine Musik-CD die im Plattenladen, oder sogar auf dem Flohmarkt gekauft wird, kann von jedem beliebigen Abspielgerät wiedergegeben werden, sie kann verliehen, verschenkt, oder wieder verkauft werden und weiterhin ihren Zweck der Musikwiedergabe erfüllen. Sie kann von einem entsprechenden Laufwerk ausgelesen werden und der Inhalt vervielfältigt (Sicherheitskopien) werden, all das sind unsere Rechte als Konsument*innen. Das Gleiche gilt für Filme, Videospiele, Bücher (hier ist die Vervielfältigung etwas komplizierter) und jedes erdenkliche Unterhaltungsmedium. Doch digitaler Besitz ist in der Regel an einen Account gebunden, die Datei lässt sich nicht ohne Weiteres auf ein anderes Gerät abspielen und der Verleih funktioniert meistens nur über Passwortweitergabe. Es besteht eine direkte Abhängigkeit zum Anbieter und Onlinezwang. Wenn die Server dicht machen, die Lizenz abläuft, oder die Inhalte schlichtweg von der Plattform genommen werden, verlieren wir auch den Zugriff auf unseren erworbenen „Besitz“, nur die Ausgaben sehen wir nicht wieder. Das passiert häufiger als gedacht und wird sich auch ständig wiederholen. Die Videospielindustrie ist geplagt von verbraucherfeindlichen Ideen und Entscheidungen. Sony plant die nächste PlayStation, ohne optisches Laufwerk auszuliefern und damit physische Medien zu verbannen und alle Einkäufe an den eigenen Digitalmarkt zu binden. Microsoft wollte den Onlinezwang einführen, der eine permanente Internet- und Accountbindung erforderte, um die Konsole nutzen zu können. Nintendo ist ebenfalls für Versuche bekannt den Gebraucht- und Einzelhandel einzuschränken.
Besonders dreist agiert Amazon. Gestartet hat der große Internetversandhandel als Online-Buchgeschäft. Seit 2007 bietet das Unternehmen die „Kindle“ E-Reader an, flache Plastikplatten mit Bildschirm zum Lesen von elektronischen Büchern (E-Books). Ausschlaggebend für diese Produkte ist das Display, welches augenschonender ist als herkömmlichen Anzeigen und vor allem das Lesegefühl gedruckter Buchstaben auf Papier, durch spezielle Darstellungstechniken imitiert. Statt mehrere Bücher und dessen Gewicht zu tragen, reicht die Speicherkapazität eines leichten Kindles, um eine riesige Bibliothek mit sich zu führen.
Doch es ist immer noch die Kreation eines profitorientierten Monopols und der Zugriff auf das gigantische Literaturangebot des Amazon-Shops, kommt mit nicht unwesentlichen Einschränkungen daher. Geschlossen wie Apples Mikrokosmos, ist auch die Infrastruktur von Amazons Kindle. Wer Bücher im Kindle-Store erwirbt, kann diese auch nur auf dem eigenen Account und Kindle lesen und nicht wie gewohnt an Freund*innen und Familie verleihen. Damals noch möglich, inzwischen aber verworfen, ist die Funktion selbstständig Dateien auf dem Kindle zu laden, zum Beispiel PDFs oder das verbreitete EPUB Format für E-Books. Je nach Preisspanne, fungieren die meisten Kindles auch als Werbetafel und schalten im Ruhemodus permanent Buchvorschläge. Erschreckend sind darüber hinaus die Zugriffsrechte von Jeff Bezos Großkonzern. So wurden aufgrund ungenauer Lizenzrechte bereits gekaufte und heruntergeladene Bücher von den Endgeräten gelöscht. Ironischerweise handelte es sich dabei ausgerechnet um George Orwells 1984. Um den Verkauf neuerer Versionen anzutreiben wurden erst kürzlich alle Kindlevarianten vor 2013 vom Online-Store getrennt. Die Bibliothek lässt sich nicht mehr erweitern und bis auf die bereits gespeicherten Bücher, sind diese einwandfreien Geräte nutzlos gemacht worden.
Zum Glück lassen sich diese, als auch neuere Kindles ebenfalls aus Amazons gierigen Griff befreien. Vor 2020 habe ich mir ein Kindle der zehnten Generation zugelegt. Das Papier getreue Display und die Idee es für den Lesestoff meines Studiums zu verwenden hat mir zugesagt. Als die Unterstützung für selbst hochgeladene PDFs aber endete, verstaubte dieser Plastikgegendstand entladen in meinem Bücherregal, da ich als Anarchist doch eher physische Literatur bevorzuge. Meiner Partnerin zuliebe habe ich dem Kindle aber zum Gefängnisausbruch verholfen. Sie kaufte einfachheitshalber ihre Bücher direkt über „Apple Books“ und las sie auf dem iPhone. „Apple Books“ ist ähnlich restriktiv wie Amazons Buchladen. Der Bildschirm des Apple-Telefons bietet aber nicht das gleiche Erlebnis wie das „Kindle Paperwhite“. Daher nahm ich den E-Reader vom Bücherregal und hab den Quelltext neu beschriftet. Je nach Versionsnummer gibt es viele Möglichkeiten des Jailbreaks für Amazons Kindle. Entschieden habe ich mich für die charmante Variante, Schwachstellen in den Werbeschaltungen auszunutzen und Systemdateien durch modifizierte Skripte auszutauschen. Befreit vom Joch proprietärer Strukturen, war das Kindle geöffnet für freie und quelloffene Software. Zum Beispiel „KOReader“, eine Koryphäe der Dokumentenbetrachter. Es eignet sich perfekt für E-Reader und entstammt dem Wirken einer aktiven Szene. Auf einem geknackten Kindle lassen sich damit endlich sämtliche E-Book Formate lesen und anpassen. Das Programm kann den eigenen Anforderungen entsprechend optimiert und individualisiert werden. Im Ruhemodus zeigt das Display statt Werbung nun selbst kuratierte Standaufnahmen aus Studio Ghibli Filmen. Unabhängig von Großkonzernen, egal ob Apple, oder Amazon, kann ein ausgebrochenes Kindle E-Books aus jeder Quelle aufnehmen und wo im Internet nach EPUB Dateien gesucht wird, da werden auch welche gefunden und die Bibliothek meiner Partnerin ist seitdem rasant gewachsen.
Dem Kindle meines Bruders konnte ich ebenfalls zur Flucht verhelfen, in diesem Fall handelte es sich sogar um eines der betroffenen Modelle vor 2013, die zur Nutzlosigkeit verdammt sind. Ähnlich wie beim 3DS haben die Kindles durchs Modifizieren wieder an Bedeutung gewonnen. Ausrangierte Technik, die durch Neuaneignung der kommerziellen Logik entflieht und wieder dem eigenen Nutzen entspricht. Auch wenn technischer Fortschritt von Vorteil sein kann, so wird er häufig von geplanter Obsoleszenz begleitet und dient eher dem Kapital, als den Verbraucher*innen. Schädlich ist dabei auch der immense Raubbau für Rohstoffe, die es für die Produktion braucht, die es nur gibt, weil die Industrie es so will. Die Müllhalden sind voll von Elektroschrott, die Kosten tragen nicht die Verursacher*innen, sondern der globale Süden. Währenddessen werden weitere Rechenzentren gebaut, die in nie dagewesener Form Unmengen an Wasser- und Energieressourcen verschwenden, um große Sprachmodelle zu trainieren, die den Überwachungskapitalismus in absurd dystopischer Art voranzutreiben. Mit Windows 11 hat Microsoft zudem einen elaborierten Spionageangriff auf sämtliche Rechner privater Haushälter gestartet. Mit unnötig hohen Anforderungen werden Millionen auch noch dazu gezwungen, ihre funktionierenden Laptops und Computer zu ersetzen. Der Ausweg aus dieser Misere lautet Linux. GNU/Linux ist die Kulmination aller bisher aufgeworfenen Themen. Freiheit und volle Kontrolle über Systeme, statt Fremdbestimmung, Überwachung und Datenverkauf. Technik hat sich unseren Anforderungen zu fügen und darf uns nicht beherrschen. Eingesetzt wird sie aber wie ein Verstärker der herrschenden Klasse. Als Werkzeug von Nationalstaaten und Großkonzerne schafft es wechselwirkend Abhängigkeiten und Unterdrückung. Quelloffenheit, Transparenz, Freiwilligkeit und Mitgestaltung sind dahingegen die treibende Kraft emanzipatorischer Computersysteme. Linux, Free Open-Source-Software, Jailbreaks und Modding stammen nicht aus inhärent anarchistischen Kontexten. Sie liefern aber nützliche Konzepte und Herangehensweisen, die mit dem libertären Sozialismus harmonieren.
Nicht selten werden Informationstechniker*innen durch die Auseinandersetzung mit Freier Software politisiert. Leider wird diese Domäne noch umgeben von einigen Klischees und der Umgang sozialistischer/antiautoritärer/kapitalismuskritischer Gruppen ist noch eher zimperlich. Sicherlich läuft der Plenumslaptop auch schonmal unter Debian (ein Linux Betriebssystem) statt Windows und Gedanken gemacht haben sich alle schonmal über das Thema sichere Kommunikation. Die Assoziationen mit sexistischen Männerbünden und rechts-libertären Posthumanisten prägt aber noch das Bild und schreckt ab. Umso wichtiger ist die anarchistische Besetzung dieses allgegenwärtigen Teils unseres Lebens. Kapitalismus und die Herrschaft des Nationalstaats werden wir nicht allein durch den Wechsel auf freie Betriebssysteme beenden. Zum Erproben real-utopischer Phänomene ist es aber eine gute Übung. Viel zu leicht geben wir uns Abhängigkeiten hin und suchen erst gar nicht nach Alternativen. Dabei sind wir längst von ihnen umgeben und sie sind kostenfrei und bequem von Zuhause aus zu besorgen. Tech-Unternehmen, die Unterhaltungsindustrie und Silicon Valley geben Maßstäbe vor, die unhinterfragt angenommen und reproduziert werden. Starre Urheberrechte müssen nicht der Status Quo sein, ein anderer Umgang kann geschaffen werden mit Patentfreiheit und Quelloffenheit. Gleichzeitig ist es gut eine Mediensammlung zu besitzen, die entweder physisch existiert, oder digital auf der eigenen Festplatte, statt angewiesen zu sein, auf Lizenzen und Angebote von Streamingdiensten. Völliger Besitz ist auch auf die Geräte selbst anzuwenden, denn alternde Technik ist noch vielseitig einsetzbar und nur die Propaganda der Industrie und ihre geschlossenen Systeme zwingen uns mit Limitationen zum Neukauf. Konzeptionell sind das Ideen der „Frei Kultur Bewegung“ und sie bilden eine Art zu leben ab, die der befreiten Gesellschaft entspricht. Hausbesetzungen kennen wir als direkte Antwort auf Wohnungsmangel und den Immobilienmarkt und wir sind vertraut mit „Gegenseitiger Hilfe“, oder „Guerilla Gardening“ für die Gestaltung einer besseren Zukunft. Jailbreaks, Freie Software und Modding sind das Pendant im Bereich digitaler Medien und Informationstechnik.
Trotz und vor allem wegen kapitalistischer Zwänge lohnt sich jetzt schon die Aneignung Linux basierter Systeme. Jailbreaks sind eine lustige Beschäftigung mit alter und aktueller Technik, schaffen mehr Unabhängigkeit und erzeugen ein neues Medienbewusstsein. Spaß macht auch der freie Austausch von Literatur, Musik und Filmen und einmal damit angefangen wächst die eigene Mediathek schneller, als euer Geldbeutel geleert wird durch diverse Streaming-Abos. Im Mittelpunkt steht die Gemeinschaft und der öffentliche Zugang zu Wissen für alle. Niemand muss auf sich selbst gestellt sein und in der Bundesrepublik gibt es mehrere Tech-Kollektive, die nur darauf warten ihre Erfahrung zu teilen und behilflich zu sein bei der digitalen Selbstbestimmtheit. In Potsdam zum Beispiel bietet die MachBar im freiLand einen Ort an, zum Lernen und Basteln. Wöchentlich trifft sich dort der „Chaos Computer Club Potsdam“ und im „OpenLab“ ist Raum für eigene Projekte. Macht euch frei von den Ketten des Copyrights, brecht aus den starren Verhältnissen proprietärer Systeme aus und besegelt die Wellen des Internets als Online-Pirat*innen.