Teil eins: Feminismus und Anarchosyndikalismus. Alles Gute Milly Witkop!

105 Jahre Syndikalistischer Frauenbund

Dieser Artikel ist der erste einer dreiteiligen Reihe zum Thema „Feminismus und Anarchosyndikalismus“. In diesem Text geht es um Milly Witkop, dem Syndikalistischen Frauenbund und wie diese den deutschen Anarchosyndikalismus antipatriarchal beeinflussten.

Der zweite Teil soll eine Verbindung zwischen revolutionärem Feminismus und Anarchosyndikalismus in heutiger Lesart aufzeigen. Hier sollen also die Analysen skizziert werden, die die Bewegung nutzt oder nutzen kann und wie daraus eine anarchafeministisch-syndikalistische Praxis entstehen kann.

Der dritte Teil versucht der patriarchalen Verinnerlichung nachzugehen, der auch Anarchist*innen nicht ohne bewusstes Zutun entrinnen werden. Aus der Perspektive männlicher Sozialisation und deren Kritik soll demnach die Frage angeregt werden, wie wir unsere patriarchatstragenden Angewohnheiten endlich ablegen können, um authentisch und nachhaltig antipatriarchale Kämpfe im Sinne des Anarchafeminismus zu führen und zu unterstützen. Wie können wir unsere Privilegien nutzen und sukzessive abbauen als Verbündete im Kampf gegen Geschlechterungerechtigkeiten?


Da in den Quellen sprachlich ausschließlich ein binäres Geschlechtersystem genutzt wird, werden in diesem Artikel solche Geschlechterkategorien teilweise reproduziert. Das soll nicht zur Absicht haben andere, auch damals schon existente, Geschlechtsidentitäten unkenntlich zu machen, sondern dient dem praktischen Umgang mit der Quellenlage und verdeutlicht den patriarchalen historischen Kontext. Das Wort „Feminismus“ wird zeitgenössisch von Anarchist*innen nicht mit Selbstbezug genutzt, da es mit der bürgerlichen Emanzipationsbewegung verbunden wurde. Im Folgenden wird der Begriff nur aus Sicht des heutigen anarchistischen Positivbezug verwendet.

Milly Witkop gilt als anarchosyndikalistische Wegbereiterin, die während der Weimarer Republik den Kampf gegen den Kapitalismus mit dem Kampf gegen das Patriarchat verband. Sie wurde am 01.03.1877 geboren - heute feiern wir ihren 149. Geburtstag, gedenken ihrer Person und ihrem Werk! Oft wird Milly mit ihrem Doppelnamen Witkop-Rocker erwähnt, den sie von ihrem Partner Rudolf Rocker hat, welcher einer der wichtigsten Theoretiker des Anarchosyndikalismus war. Zusammen gründeten sie mit Genoss*innen 1919 die Freie Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD). Doch das reichte ihr nicht aus, da die Lebensbedingungen der meisten Frauen in der Bewegung nicht ausreichend Berücksichtigung fanden.

Ab 1920 traten erste Vereinigungen von syndikalistisch organisierten Frauen in der noch jungen Weimarer Republik auf. Auf dem „1. Reichskongress der syndikalistischen Frauen“ 1921 in Düsseldorf wurde der Syndikalistische Frauenbund (SFB) etabliert. Milly Witkop war neben dem FAUD-Aufbau auch hier von Beginn an federführend. Der SFB verstand sich einerseits als Vernetzung, der in der FAUD betrieblich organisierten Frauen, und andererseits als Anlaufstelle für nicht lohnarbeitende Hausfrauen. Bei Zweiteren erkannte man eine besondere Notwendigkeit der Agitation. Außerdem wurde aus diesen Strukturen mit der Zeit auch Kritik am patriarchalen Verhalten der männlichen Genossen laut, wobei der Einsatz für die Gleichberechtigung auch innerhalb der Bewegung angestoßen werden sollte. Dieses patriarchale Verhalten zeigte sich z.B. in dem Unwillen der Ehemänner im Haushalt zu unterstützen, so dass es vielen Genossinnen verwehrt blieb sich beim Frauenbund zu beteiligen. Ganz drastisch äußerte sich der Sexismus aber auch in direkten Anfeindungen gegenüber der Bünde, welche auch durch Ängste vor weiblicher Konkurrenz
auf dem Arbeitsmarkt befeuert wurden.

Die eindeutig von Männern dominierten FAUD-Gruppen, ergänzte der SFB mit einer festen Struktur für die „feministische“ Selbstbehauptung der Anarchosyndikalist*innen. Sie gewannen ca. 1000 Mitglieder. Im Jahr 1923 hat es ca. 60 SFB-Ortsgruppen in Deutschland gegeben. Bei von ihnen geplanten Veranstaltungen kamen teils mehrere tausend Interessierte. Gemessen an den heutigen Organisationstrukturen der anarchistischen Szene ist das eine bemerkenswerte Anzahl. So hat die Nachfolgeorganisation FAU in der BRD knapp hundert Jahre später, in den 2020er Jahren, weniger als 2000 Mitglieder. Bei bis zu 150 000 FAUD Mitgliedern in den frühen 1920er Jahren, machten die SFB-Genossinnen allerdings nur einen kleinen Teil der Gesamtbewegung aus.

Im Berliner Kreis wurde Grete Weber als Vorstand des Berliner Bundes aufgeführt. Daneben waren Milly Witkop, Hertha Barwich und Aimée Köster bedeutend aktiv und veröffentlichten Schriften für ihre Organisation. Milly und Hertha waren in der Geschäftsleitung des SFB und Hertha war ab 1925 zudem Beisitzerin in der Geschäftskommission der FAUD in Berlin. Eine der wesentlichen Schriften aus diesem Kreis ist der Text Der Syndikalistische Frauenbund von Milly, Hertha, Aimée, u. a. Außerdem veröffentlichte Milly ein noch bekannteres Werk, welches als Prinzipenerklärung des SFB genutzt wurde. In Was will der Syndikalistische Frauenbund (1923), veröffentlicht in der Zeitschrift Der Syndikalist, schreibt sie:

Überall, wo eine syndikalistische Organisation besteht, muß versucht werden, auch eine solche der Frauen ins Leben zu rufen, so daß die Sektionen des Syndikalistischen Frauenbundes das ganze Land wie mit einem Netz bedecken werden. Die Föderation der Frauen, die im Oktober 1921 auf der ersten syndikalistischen Frauenkonferenz in Düsseldorf gegründet wurde, muß überall ausgebaut werden, auf daß uns in naher Zukunft eine gesunde und kampffähige Bewegung von Männern und Frauen entstehe, die sich in ihrer Tätigkeit gegenseitig ergänzen werden, zum Nutzen und Gedeihen unserer gemeinschaftlichen Sache. Wo die Möglichkeit gegeben ist, rufe man kleine Frauenklubs ins Leben, angenehm und geschmackvoll eingerichtet und mit Büchereien versehen, wo sich die Genossinnen jederzeit treffen können, um zu lesen oder um sich über wichtige Fragen auszusprechen, und wohin sie auch nötigenfalls ihre Kinder mitbringen können. Auch gemeinsame Arbeitsstuben sind ein ausgezeichnetes Mittel für diesen Zweck.

Diesen sozio-kulturellen Charakter des Syndikalistischen Frauenbundes führt sie noch weiter aus, indem sie formuliert:

Dabei müßte man versuchen, Bestrebungen gegenseitiger Hilfe in Krankheitsfällen usw. nach Kräften zu fördern um die einzelne Frau durch Freundschaftsbande fester mit ihrem neuen Kreis zu verbinden. Ebenso kommen Gruppen zur Förderung künstlerischer oder ähnlicher Bestrebungen in Betracht. Auch das Einküchenhaus soll an dieser Stelle noch erwähnt werden. Bei allen diesen Verbindungen und Gruppierungen kommt es uns hauptsächlich darauf an, die Frauen einander näher zu bringen, um auf diese Weise zwischen ihnen ein intimeres dauerhaftes kameradschaftliches Verhältnis zu schaffen.

Diese Initiativen von Frauenbünden wurden in der FAUD teilweise als unnötige Doppelstruktur abgelehnt. Die in Berlin ansässige Geschäftskommission der FAUD, stand jedoch ausgesprochen solidarisch dem SFB gegenüber. In den Industrieföderationen und Ortsgruppen gab es jedoch andere Tendenzen. Nicht nur wurden die sich organisierenden Frauen dort belächelt und ihre Strukturen als zersetzend für die Bewegung markiert, sie wurden teilweise bewusst in ihrer Arbeit von den männlichen Genossen sabotiert. Ähnliche Probleme gab es auch bei den Mujeres Libres bzw. den Frauen in der Confederación Nacionale del Trabajo (CNT) im Spanien der 1930er Jahre. Insgesamt scheint sich allerdings die Notwendigkeit einer solchen internen geschlechtsspezifischen Organisation aufgrund des erkannten Sexismus und der erklärten Sonderstellung der Frau in der kapitalistischen Ausbeutung öffentlichkeitswirksam in der FAUD ideell durchgesetzt zu haben. Zumindest ist das aus der Öffentlichkeitsarbeit in Berlin-Brandenburg herauszulesen. Die Rundschreiben des SFB, der Frauen-Bund wurden explizit beworben. Sie wurden dem Syndikalist beigefügt und auch die Arbeiterbörse bewarb die Treffen in Berlin. Die Arbeiterbörse war das Mitteilungsblatt der FAUD-Provinzialarbeiterbörse Berlin, Brandenburg und Pommern. In dieser Zeitschrift lud der SFB am 17.01.1931 beispielsweise zu einem Vortrag von Berthold Cahn zum Thema „Grundlagen herrschaftsloser Erziehung“ mit anschließendem freien Austausch nach Neukölln ein. Besonders waren auch die Aufklärungsveranstaltungen zu Geburtenkontrolle und Verhütung, oder die Unterstützung von Frauen, deren Ehemänner im Knast saßen. In der Ausgabe vom 27.06.1931 wird vom „Anarcho Syndikalistischen Frauenbund“ auf den Frauentag hingewiesen, wobei angemerkt ist: „Die Kameraden der faud werden gebeten am 16. August sich mit ihren weiblichen Angehörigen recht rege am Frauentag zu beteiligen“.

Franz Barwich, der unter anderem in der Geschäftskommission der FAUD saß,
veröffentlichte 1923 einen bedeutenden Leitfaden für anarchosyndikalistische Praxis. Er betont in Das ist Syndikalismus auch die Wichtigkeit des SFB und die Notwendigkeit der Begeisterung der Frauen für die syndikalistische Sache. Leider verbleibt sein Appell in einem bewertenden Ton eines sich einmischenden Außenstehenden. Zwar erkennt er darin die Mehrfachbelastung und Sonderstellung der Frau, die neben Staat und Kapital unterdrückende „Männermoral“ und die eigene Befangenheit der syndikalistischen Männer an, gleichzeitig werden den Frauen im Text auch die Fürsorgeaufgaben zugeschrieben, in einer die gesellschaftlichen Verhältnisse reproduzierenden Weise. Obgleich er dabei versucht zur Unterstützung in der Care-Arbeit aufzurufen. Die Frage inwieweit die Aufgabe der Männer darin besteht, die weibliche Konnotation von Fürsorge mit solidarischer Eigeninitiative aufzubrechen, bleibt hier aus. Es geht hier wohl eher um eine Gründung einer Art Frauen-Selbsthilfe-Club, wobei sich in der FAUD die männlichen Genossen in der Lohnarbeit organisieren, die weiblichen Genossinnen vorrangig in der Reproduktionsarbeit. Die sich aufbauenden Bünde wären von erfahrenen Männern so lang zu begleiten, bis die Frauen ihre Belange selbst angehen könnten. Ab diesem Zeitpunkt müssten sich dann die Männer zurückziehen und die Frauen könnten sich der Selbstorganisation widmen. Dieses Bild von Geschlechtergerechtigkeit ist sicherlich auch dem Umstand geschuldet, dass es zu dieser Zeit noch ein signifikantes geschlechtsspezifisches Gefälle hinsichtlich Bildung, politischer Teilhabe, gesellschaftlicher Aufgabenzuschreibung und allgemeiner Partizipation im öffentlichen Leben gab. Zudem gab es eine derartige Belastung in der Lohnarbeit, bei der wohl der Gedanke sich auch noch im Haushalt zu engagieren ein sehr ferner war. Diese Ausrede half natürlich denjenigen Arbeiterinnen nicht, die sowohl an Reproduktions- als auch Lohnarbeit gefesselt waren. Zugegebenerweise zeichnet Milly Witkop kein wesentlich anderes Bild. Wenn man die männliche Rezeption der syndikalistischen Patriarchatskritik, wie jene von Franz nun aber wohlwollender aufnimmt, zeigt sich insgesamt eine verhältnismäßig freiheitliche Auffassung mit konkreten praktischen Versuchen die Genossinnen zu entlasten und eine soziale Alternative zum Patriarchat zu ergründen. Dennoch zeigen sich hier strategische Anweisungen an die Genossinnen von oben herab, die einem authentischen und allumfassenden Emanzipationsbestreben im Wege stehen.

Weitaus feministischer scheinen allerdings die jungen Anarchist*innen gewesen zu sein, die sich in der Syndikalistisch-Anarchistischen Jugend Deutschlands (SAJD) zusammenfanden. Hier war das Geschlechterverhältnis wohl auch in den Positionen relativ gleichauf. In ihren Veröffentlichungen erklären sie die Notwendigkeit antipatriarchaler Kämpfe, die neben den antikapitalistischen eben so Bestand haben müssten. Sie zeigen dabei auf, dass Klassenkampf ohne die explizite Berücksichtigung der Frauenemanzipation unausweichlich zum Scheitern verurteilt sei. So betonten sie, dass Jugendliche und Frauen auch innerhalb der Arbeiter*innenklasse unterdrückt werden und gerade auch dieses Gefälle eine echte proletarische Selbstbehauptung verhindert.

Obwohl die antipatriarchalen Auffassungen der Anarchosyndikalist*innen, allen voran Milly Witkops im historischen Kontext als außerordentlich fortschrittlich auszumachen sind, können wir uns nicht ausschließlich auf diese teils eingestaubten Vorstellungen allein verlassen. Der moderne Anarchafeminismus der seit den 1970er Jahren immer weiter ergänzt wurde, sollte hier natürlich Abhilfe verschaffen, um einen patriarchatskritischen Blick auf den Anarchosyndikalismus zu schärfen.

Für unsere Bewegung hat Milly zusammen mit anderen Anarchist*innen, wie ihren Freundinnen Emma Goldman, Aimée, Hertha, Clara Wichmann, Traudchen Caspers und vielen Weiteren den Weg in ein anarchistisches und syndikalistisches Verständnis des Patriarchats und dessen Bekämpfung geebnet. Gedenken wir ihnen! Trotz der mehrfachdiskriminierung Millys als Frau, als Jüdin, als Migrantin und als politisch Verfolgte, führte sie den Kampf für eine gerechtere Welt stets mit entschlossener Haltung weiter. Wir wollen diese unerbitterliche Lebensaufgabe Millys, sich der sozialistischen Gesellschaft zu verschreiben, hiermit ehren. Sie soll uns Mut machen eine Zukunft ohne Patriarchat, Staat und Kapitalismus (neu) zu denken und so gut wir es nur irgend können bereits jetzt zu erproben. Milly beendet ihrer Schrift zum SFB mit den Worten:

Sage keine von euch, dass sie nicht fähig sei, zu diesem grandiosen Werke etwas beitragen zu können. Jede von euch, aber auch jede, ohne Ausnahme, kann ihr Scherflein beisteuern zum gemeinschaftlichen Ziele. Nur wollen müssen wir. So wollen wir denn, auf dass unsere Kinder uns nicht den Vorwurf ins Antlitz schleudern müssen, dass wir als Sklaven gelebt und sie selber als Sklaven in die Welt gesetzt, damit auch sie mit dem Fluche der Knechtschaft beladen durchs Leben wandern.

Zeigen wir ihnen, dass wir das Joch, das uns auferlegt wurde, nicht freiwillig trugen und uns empörten gegen die Gewalt, die uns angetan wurde, um ihnen die Tore der Freiheit zu öffnen.

Rest in Power Milly!


Quellen

Barwich, Franz: Das ist Syndikalismus, Berlin 1923, in: Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union Bremen (Hrsg.): Studienkommission der Berliner Arbeiterbörsen/Franz Barwich: Das ist Syndikalismus. Die Arbeiterbörsen des Syndikalismus, Frankfurt am Main, 2005, S. 36 – 39.

Bianchi, Vera: Der Syndikalistische Frauenbund zu Beginn der Weimarer Republik, in: Ariadne: Forum für Frauen- und Geschlechtergeschichte (2018), Nr. 73- 74, 72–79, Link: https://doi.org/10.25595/2139, letzter Zugriff: 22.08.2025.

Bianchi, Vera: Feministinnen in der Revolution. Die Gruppe Mujeres Libres im Spanischen Bürgerkrieg, Münster 2003.

Bianchi, Vera: Kanonenfutter verweigern. Der Syndikalistische Frauenbund informierte in den 20er Jahren über Empfängnisverhütung und rief zum Gebärstreik, 2017, in: Neues Deutschland, Link: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1069364.syndikalistische-frauenbund-kanonenfutter-verweigern.html, letzter Zugriff: 11.02.26.

Fuß, Frederik: Antifeminismus im historischen Anarchismus, in: Ciax, Katharina und Fuß, Frederik, u.a. (Hrsg.): AnarchaFeministische Perspektiven, Moers 2020, S. 26 – 30. GStA PK, I. HA Rep. 219, Nr. 72, S. 204.

Rübner, Hartmut: Freiheit und Brot. Die Freie Arbeiter-Union Deutschlands. Eine Studie zur Geschichte des Anarchosyndikalismus, Berlin/Köln 1994, S. 189.

Witkop-Rocker, Milly und Barwich, Hertha und Köster, Aimée u. a.: Der Syndikalistische Frauenbund, Münster 2007.

Witkop-Rocker, Milly: Was will der Syndikalistische Frauenbund, Berlin 1923, in: Fau.org, Link: https://www.fau.org/materialien/historisches/art_021112-174843, letzter Zugriff: 11.02.2026.