Oasen spürbarer Freiheit: 18 Jahre besetzt; 100 Jahre erholt - La datscha und die Bakuninhütte feiern ein Jubiläum

Oasen spürbarer Freiheit: 18 Jahre besetzt; 100 Jahre erholt - La datscha und die Bakuninhütte feiern ein Jubiläum

Freiheit, ein weitreichender Begriff, der im modernen Sprachgebrauch nicht selten an Abgedroschenheit leidet. Mal handelt es sich um ein abstraktes Konzept, dann wiederum ist es eine konkrete Idee. Sie existiert, weil wir dessen Abwesenheit kennen und wir glauben an die Möglichkeit, weil es notwendig erscheint. Freiheit ist eine uneingeschränkte Vorstellung, in der Fantasie verspricht sie alles Mögliche, in der Realität stoßen wir auf die Grenzen des Machbaren. Politisch wird sie von sämtlichen Lagern gefordert. Bekannt ist sie in der Ökonomie als „freie Marktwirtschaft“. Generell schreibt sich das liberale Bürgertum „Freiheit“ auf die Fahnen und Parteien wie die FDP sehen sich in der Tradition der Aufklärung. Aus anarchosyndikalistischer Sicht bedeutet „klassischer Liberalismus“ keine Befreiung, da die Unterdrückung durch Staat und Kapital fortbesteht. Dem gegenüber wird der Begriff „Libertarismus“ bevorzugt, der wiederum bei staatskritischen Kapitalist*innen ebenfalls Verwendung findet. Schwierig. Der Kampf um Befreiung wird auch gepachtet von rechts-konservativen Kräften. Sogenannte Reichsbürger sehnen sich nach der Rückkehr eines deutschen Kaisers, sie glauben das Deutsche Reich befände sich noch im Krieg und sei besetzt von den Alliierten. Ideologische Überschneidungen gibt es mit dem Phänomen der „Corona-Leugner*innen“, die eine Diktatur erkannt haben wollen während der Covid-Pandemie, von der es sich zu befreien gilt. Sind es solche Entwicklungen, weswegen der Begriff Freiheit nur spärlich genutzt wird innerhalb linker Kreise? Synonyme wie „Autonomie“ und „Selbstverwaltung“ sind dafür häufiger anzutreffen. Gänzlich verabschiedet wurde sich aber noch nicht vom Freiheitsbegriff. Dem „Freiraum“ wird nach wie vor eine große Bedeutung beigemessen. Dabei handelt es sich um Hausprojekte, besetzt oder nicht, die ein freiheitliches Vakuum innerhalb einer von Herrschaft geprägten Umwelt schaffen. In diesen Räumen werden Gegenmodelle gelebt und sollen eine Gesellschaft fernab bürgerlicher, kapitalistischer oder patriarchaler Zwänge und Ordnung abbilden. Der Bewegung dienen sie als Rückzugsort, bieten real-utopische Einblicke in dystopischen Zeiten, sind Bildungs- und Lernorte, laden ein zum Mitmachen und stärken die Eigenermächtigung. Bezeichnet werden können sie auch als Labore der Freiheit, denn in ihnen werden anarchistische Gesellschaftsmodelle und Prozesse erforscht. Freilich finden diese Versuche aufgrund der äußeren Widrigkeiten nicht immer unter Laborverhältnissen statt und gleichen einem Feldexperiment. Lohnsklaverei, individuelle Abhängigkeiten zum herrschenden System und staatliche Repressionen begleiten uns alle. Doch bei allem Zynismus, diese „Oasen der Freiheit“ sind alles andere als irrelevant. Verkopft lässt sich über Freiheit, dessen Bedeutung und Realisierbarkeit philosophieren, aber um einen tatsächlichen Bezug herzustellen, muss es spürbar gemacht werden. Ein Jubiläum spürbarer Freiheiten feiern dieses Jahr zwei Objekte. Zeitlich und örtlich sind sie getrennt von großer Distanz. Doch egal welcher Ort, egal welche Zeit, sie sind verbunden als ewige Momente der Zwanglosigkeit.

Im Anfang war die Tat

Vor einhundert Jahren errichteten Mitglieder der „Freien Arbeiter Union Deutschland“ (FAUD) auf der Hohen Maas im heutigen Meinigen, in Thüringen, einen Regenschutz, diesen tauften sie „Bakunin-Schutzhütte“. Vor achtzehn Jahren, am 26. September, besetzte ein bunter Haufen ein leer stehendes, ehemaliges Fährhaus in Babelsberg, Potsdam, sie nannten es „la datscha“. Sowohl die Bakuninhütte, als auch die Datscha stehen noch, bewegt sind dafür die Geschichten, die beide Häuser erzählen. Der achtzehnte Geburtstag des Freiraums an der Havel glänzt vielleicht eher durch den symbolischen Charakter der „Volljährigkeit“, statt ein rundes, dreistelliges Jubiläum vorzuweisen. Fast zwei Jahrzehnte Potsdamer Stadtentwicklung hinterließen aber auch ihre Spuren und in dieser gesamten Zeit blieb die Datscha widerständig. In ganz Brandenburg ist sie das einzige und letzte besetzte Gebäude. In Anbetracht der „Berliner Linie“, die seit geraumer Zeit auch in der brandenburgischen Landeshauptstadt angewandt wird, handelt es sich fast um ein Wunder.

Potsdam im Jahr 2008: Die Anzahl der Obdachlosen übersteigt die Kapazität freier Unterkünfte. Seit Anfang des Millenniums wächst die Zahl der Haushalte deutlich schneller als die der Wohnungen. Kontinuierlich gestiegen sind auch die Mieten, gesunken dafür aber verfügbarer Wohnraum im unteren Preissegment. Potsdam steckte seit jeher in einer Wohnkrise und über die Jahre verschlimmerten sich nur die Verhältnisse. Freudenstimmung herrschte eher bei den einkommensstarken Neu- und Altreichen, die sich in den Villenvierteln vermehrten. Überdurchschnittlich hoch war auch die Geburtenrate im Vorjahr, mit Einskommavier geborenen Babys über dem Bundesdurchschnitt pro Gebärende. Einen neuen Rekord hatte die Landeshauptstadt auch in ihrer Bevölkerungszahl zu verzeichnen und an den Universitäten studierten so viele wie noch nie, mehr noch als es die Finanzierung des Landes zuließ. Doch statt einer Stadt der Jugendräume entwickelte sich dieser Alptraum zu Gunsten der Preußenträume. Verdrängt wurden die Jugendclubs Spartacus und S13 in der Schlossstraße. Unterfinanziert gingen Lindenpark und Waschhaus in die Insolvenz. Dem „alternativen Kulturpalast“ Archiv drohte wegen Brandschutzbestimmungen die Schließung. Zeitgleich gründete sich die „Stiftung Garnisonkirche Potsdam“ (SGP) um den Wiederaufbau des gleichnamigen klerikal-faschistischen Sakralbaus des Kolonialismus voranzutreiben. Deutlich zu erkennen waren die Prioritäten der Stadtverwaltung. Wachstum, Wachstum, Wachstum zu jedem Preis. Platzmachen musste der subkulturelle Untergrund und die Jugend, während sich preußische AltMachtFantasien ausbreiteten. Hochexplosiv war die Stimmung, es genügte ein Funke zur Freisetzung neuer Energien. Reif war die Zeit für eine Hausbesetzung. Gefunden wurde der passende Leerstand an der Havel, unweit vom Park Babelsberg. Genutzt wurde die ehemalige „Villa Wildwuchs“ von Straßensozialarbeitern und diente als Jugendtreff, bevor der Verein den Standort wechseln musste, wegen einer unbezahlbaren Dachbaustelle. Typisch Protzdam stand das städtische Grundstück seitdem leer und sollte ausgerechnet der „Stiftung Preussische Schlösser und Gärten“ (SPSG) übergeben werden, die es plattgewalzt hätte für einen Parkplatz. Am Freitag dem 26. September 2008 aber änderte sich der Lauf der Dinge. In Solidarität mit den Verdrängten dieser Stadt wurde genommen was gebraucht wird im Sinne der direkten Aktion. Bereits vierundzwanzig Stunden nach der Besetzung wurde das Gartenhaus mit einer Filmschau, drei Konzerten und gemeinsamen Kochen belebt. Geräumt wurde auch eine Woche später nicht vom damaligen Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD). Leider erlebte die im Mai 2026 besetzte „Tornow 40“ auf Hermannswerder eine andere Behandlung durch Noosha Aubel (Parteilos). Ein Dauerzustand zeichnete sich ab und mit Namensgebung dieses laubenartigen Freiraums wussten alle: „Datscha bleibt“ und sie bleibt besetzt. In Anbetracht der Lage der Datscha, zwischen städtischen Raum und preußischen Besitz, hat der Name einen ironischen Beiklang. Ursprünglich kommt der Begriff „Datsche“ aus dem Russischen und bedeutet in seiner Namensherkunft „fürstliches Landgeschenk“. Etabliert haben sich Datschen in der Sowjetunion und später der DDR als Erholungsorte mit Garten. Genutzt wurden sie von der allgemeinen Bevölkerung zum Anbau von Obst und Gemüse und um dem Stress der städtischen Enge zu entkommen. Fürwahr unterscheidet sich der Bungalow am Havelstrand ebenfalls von anderen besetzten Häusern Deutschlands durch das hiesige Grün. Mit Garten, Badestelle und Freisportfläche bietet die Datscha diverse Möglichkeiten der Erholung und erfüllt den gleichen Zweck wie die anarchistische Pilgerstätte im Südwesten Thüringens.

Meiningen vor mehr als 100 Jahren: Eine Thüringer Ortsgruppe der Freien Arbeiterunion Deutschland betreibt seit einiger Zeit kollektiven Ackerbau. Hungersnöte nach dem Ersten Weltkrieg veranlasste den circa dreißigköpfigen Zusammenschluss aus Arbeitenden der Eisenbahnhauptwerkstatt und weiteren Betrieben, Kartoffeln und Getreide anzubauen. Gemeinsam schafften sie es, ein Grundstück auf dem Höhenzug der Hohen Maas für 21000 Reichsmark zu erwerben und die Schuldenlast abzubezahlen. Obwohl sich seit 1925 der Anbau aufgrund steigender Kosten und Widrigkeiten nicht mehr lohnte, traf sich die Gemeinschaft weiterhin. Umgeben zu sein von Wald, einer Kalkmagerwiese mit großer Artenvielfalt und einer kilometerweiten Aussicht nach Süden, machen dieses, sich auf einem etwa 500 Meter hohen Plateau befindendem, Feld zu einer traumhaften Kulisse. Schicksalhaft führte ein starker Regenguss die Gewerkschaftler*innen dazu, einen Unterstand zu errichten. Eine Erdgrube mit einem Dach, Sitzgelegenheiten und Kochecke entstand. Dem anarchistischen Sozialrevolutionär Michail Bakunin und seinem fünfzigsten Todestag gewidmet, wurde sie bezeichnet als „Bakunin Schutzhütte“. In der vierunddreißigsten Ausgabe der Wochenzeitung „Der Syndikalist“ (Zeitschrift der FAUD) hieß es bereits am 21. August 1926: „Die Genossen der FAUD Meiningen erbauten sich auf einsamer Bergeshöhe eine Schutzhütte, die dem Andenken Michael Bakunins gewidmet werden soll und in Zukunft die Bakunin-Hütte heißen wird. Alle Genossen des Erfurter Bezirks, insbesondere der BAB Suhl, werden für Sonntag den 22. August bei schönem Wetter zu der Einweihung herzlich eingeladen.“ Erweitert wurde die Hütte direkt im nächsten Jahr mit einem Anbau in Eigenarbeit. Der ursprüngliche Bau wurde für die hochfrequentierte Nutzung zu klein. Ringsum entstanden Bänke, Gartentische, Wege und Beete, es wurden Büsche und Blumen gepflanzt, für Kinder und Familien entwarf die Gemeinde Schaukeln und sogar ein Kettenkarussell. Besonders gerne wird Letzteres hervorgehoben, als einzige Attraktion dieser Art in der Umgebung. Beliebt geworden ist die Bakuninhütte in der Region als Ausflugsziel und Ort der Erholung für Familien und Arbeiter*innen. Zwanglose und kostenfreie Angebote sollten allen zur Verfügung stehen und Besitzverhältnisse überwunden werden. Anfang 1927 gründete sich der Siedlungsverein „Gegenseitige Hilfe“, der eine Vereinnahmung durch Einzelne verhindern sollte und dem neben FAUD-Mitgliedern auch nicht politisierte Personen angehörten. Deutlich erkennbar ist diese Gesinnung am historischen Hüttenspruch:

Freies Land und freie Hütte
Freier Geist und freies Wort
Freie Menschen, freie Sitte
Zieht mich stets an diesen Ort

Anhand dieses Selbstverständnis lässt sich erahnen, welchen Wert dem Streben nach Freiheit zugesprochen wurde. Größenteils finden sich in der Reichsverfassung der Weimarer Republik die gleichen festgeschriebenen Grundrechte wieder (zum Beispiel Versammlungs- oder Meinungsfreiheit), wie im heutigen Grundgesetz der Bundesrepublik. Dem Hüttenspruch zufolge versprach der Ort des Siedlungsvereins aber ein tiefgreifenderes Gefühl der Freiheit. Vielleicht ist es die Wiederentdeckung körperlicher Autonomie. Einschneidend veränderte die industrielle Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts die Lebens- und Arbeitsverhältnisse. Entfremdet war die arbeitende Bevölkerung dazu verdammt im ausbeuterischen Takt der Fabrikherren zu schuften. Begleitet wurde die maschinelle Produktionsweise von zeitlicher Überwachung und Kontrolle. Im Sinne der Prozessoptimierung sollten alle Arbeitsschritte skalierbar und die Werktätigen austauschbar werden. Gewohnt wurde auf engsten Raum in Mietskasernen, dessen hohe Bevölkerungsdichte Platz und Kosten sparte. Alle Lebensbereiche der arbeitenden Klasse waren durch die Konzerne fremdbestimmt. Der höchste Ausdruck kapitalistischer Perversion äußerte sich dann im Ersten Weltkrieg. Arbeiter machten sich nun mithilfe der Maschinen gegenseitig kaputt, statt nur sich selbst. Den menschlichen Willen gebrochen und erniedrigt durch Armut, lässt sich Humankapital beliebig nutzen und umsortieren. Reduziert werden Lohnabhängige zu Biorobotern, ohne emotionale oder intellektuelle Qualitäten. Der Mensch soll nichts außer funktionieren und für die Massen produzieren. Linguistisch gesehen ist Freizeit in diesem Sinne eine Täuschung. Sie existiert nur im Bezug zur Arbeit, als untergeordnete Unterbrechung in der Erholung zum Zwang wird, um regeneriert der Erwerbstätigkeit nachzugehen. Verbunden ist diese Zwischenphase der vermeintlichen Selbstbestimmung in der Regel mit dem Erwerb von Dienstleistungen oder Waren und daher selbst Bestandteil des kommerziellen Kreislaufs. Dauer und Qualität von Freizeit muss sich geleistet werden können und wird dementsprechend selbst zum Konsumgut. Müßiggang, Ruhe und die zwanglose Beschäftigung mit sich selbst fanden die Geknechteten der Lohnarbeit dafür in der Bakuninhütte. Freiheit ohne Konsumpflicht, Erholung zum Selbstzweck und das Gefühl der Selbstwirksamkeit haben die Besucher*innen wiedererlangt. Auch die Nutzung als Bildungsstätte und politischer Treffpunkt war durchaus beliebt. Dort fand das erste „Reichsferienlager“ der anarchosyndikalistischen Jugend statt und eingeladen von den Meininger Syndikalist*innen, besuchte Erich Mühsam im Februar 1930 während einer Vortragsreise die Schutzhütte. Thematisch lauteten die Veranstaltungen: „Die faschistische Gefahr!“, sowie „Stahlhelm und Hakenkreuz sind Deutschlands Untergang“. Es sollte Recht behalten werden. Das Gebäude musste weiter ausgebaut werden, denn der Zuspruch wurde auch im Winter nicht weniger. 1933 war aber der Traum aus. Vor Beendigung des zweiten Erweiterungsbaus enteigneten die Nationalsozialisten die Bakuninhütte, der Verein wurde aufgelöst. Nun hat sich die Schutzstaffel und Hitlerjugend dort getroffen und übergaben 1937 das Grundstück einer ansässigen Privatperson. Durch den neuen Besitzer wurde zumindest der Anbau nach dem Ursprungsplan der Syndikalist*innen fertiggestellt. Erneut enteignet wurde das Grundstück nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs durch das sowjetische Militär. Touristenstation August Bebel wurde sie von der SED umgetauft und 1962 in Nutzung von Naturforscher*innen war sie bekannt als Karl-Kneschke-Hütte. Bis 1989 wurde das ehemalig friedliche Gelände genutzt von der Bereitschaftspolizei. Die Bakuninhütte drohte in Vergessenheit zu geraten, aber wie aus einem Hollywood-Film tauchten Dokumente von damals auf. Risikoreich gelang es dem Meininger Franz Dressel einige Artefakte während der NS-Diktatur zu verstecken. Fritz Scherer, anarchistischer Vagabund, ehemaliger Hüttenwart der Bakuninhütte und Buchbinder, sammelte diese Schätze auf und rettete das von ihm ehemals gebundene Hüttenbuch, verschiedene Fotos und weitere Erinnerungsstücke nach Westberlin. Darüber berichtete er 1984 in der Zeitung „Schwarzer Faden“. Noch vor der Wende verstarben Fritz Scherer und andere Mitglieder des Hüttenvereins „Gegenseitige Hilfe“. Überlebt hat aber das Gedenken der Bakuninhütte und dessen freiheitlichen Ideale, dank des vorausschauenden Muts der Zeitzeugen. Mit dem Mauerfall entdeckten Meininger und Berliner Anarchist*innen diesen geschichtsträchtigen Ort auf der Hohen Maas wieder. Eine Rücküberschreibung an die neu gegründete FAU scheiterte aber wegen offenen Vermögensfragen, genauso wie der Versuch einer Besetzung junger Punks. Das Grundstück verwilderte.

Unterm Pflaster liegt der Strand

Potsdam und Meiningen im Jahr 2026: Besetzt ist die ehemalige Villa Wildwuchs immer noch, sie heißt la datscha und wird am 26. September erwachsen. Jung bleiben wird sie in der preußisch-konservativen Stadt der teuersten Mieten Ostdeutschlands aber ewig. Der Bedarf nach freier Erholung, Ausklang und Orten zum Sein wird nur größer, während kapitalistische Sachzwänge alle einengt. In der Datscha wird vorgelebt, was freie Menschen ohne bürokratische Hürden leisten können. Jeden Dienstag kochen Freiwillige aus Überzeugung ein Drei-Gänge-Menü. Erwartet wird nur eine Spende, dessen Höhe im Ermessen der Gäste liegt. Im gepflegten Garten ist Platz für viele und das gemeinsame Essen kann im Freien genossen werden. Solidarische Verpflegung findet aber auch außerhalb des Gartenzauns statt und seit Ewigkeiten werden Nahrungsmittel kostenlos über frei zugängliche Kühlschränke verteilt. Daran beteiligen sich Passanten ebenso wie Aktivist*innen vom „Foodsharing“ Kollektiv. Gegenseitige Hilfe kommt auch Mittwoch nicht zu kurz, wenn die offene Fahrradwerkstatt „ReudichRad“ gemeinsam an Fahrrädern schraubt und durch unterstützende Selbsthilfe Radfahrende dazu bemächtigt ihre Räder zu reparieren. Freier Austausch geschieht hier immateriell durch Wissen und Erfahrung und materiell durch Werkzeug und Ersatzteile. Getauscht wird auch über den „Umsonst-Laden“, der sich neuerdings in einem regelmäßig geöffneten Wagen befindet, außerhalb der Datsche. Unterschiedliche Kleidungsstücke werden im „U-Laden“ frei verfügbar zum Anprobieren und Mitnehmen angeboten. Dieses Tauschgeschäft erfreut sich reger Teilhabe und nicht selten spenden Unterstützer*innen ihre nicht mehr getragene Mode. Ein nachhaltiges Gegenmodell zur Fast-Fashion und eine ökonomisch freundliche Alternative zum Gebrauchthandel. Für das Auge bestimmt ragt am Gartenzaun der Datscha auch eine Graffitiwand. Regelmäßig können über mehrere Meter neue Kunstwerke bewundert werden. Aktiv gestaltet wird diese Fläche von allen, die sich kreativ ausprobieren wollen. Passive Muße ist aber ebenso möglich am eigens errichteten Havelstrand. Erst mit der Besetzung entstand am Ufer gegenüber des Hans-Otto-Theaters eine Sandfläche, die zum Liegen, Baden und Entspannen einlädt. Heute wird dieser Kunststrand selbstverständlich genutzt von Familien, Jugendlichen, Tourist*innen, Hundebesitzer*innen und der allgemeinen Stadtbevölkerung. Die wenigsten werden wissen, dass dieser Fleck der Erholung den Besetzer*innen zu verdanken ist, so authentisch pflegt er sich ein in die Umgebung. Ebenfalls natürlich erscheint das Volleyball-Feld am Rande der Nowawiese. Umgeben von Sträuchern und kultivierten Obstbäumen entstand hier eine Spielfläche mit gespannten Volleyballnetz. Gepflegt wird es in Eigeninitiative von denen, die darauf spielen. Achtzehn Jahre ohne Autorität, ohne Hierarchie, ohne Obrigkeit werden selbstverwaltet kostenlose Angebote der Erholung, Kultur und Sport geschaffen. Seit dem Tag der Besetzung, bis zum achtzehnten Geburtstag der Datscha sind 6575 Tage vergangen und jeder einzelne Tag ist der Beweis eines funktionierenden Anarchismus. Es ist der Beweis einer menschenfreundlichen, optimistischen Struktur, die keine Angst, keinen Befehl, keinen Zwang braucht um zu wirken, sondern auf Lebensfreude und Freiwilligkeit beruht. Das ist spürbare Freiheit und sie motiviert zum Mitmachen. Beispielhaft reiht sich das große Geschwisterkind aus Meiningen als Beweis mit ein. Wenige Jahre bevor die Villa Wildwuchs in Babelsberg besetzt wurde, schaffte der „Kreis der Wander- und Naturfreunde Meiningen“ im Jahr 2005 die Bakuninhütte und einige Hektar Wald zu erwerben. Ein Jahr später gründete sich der „Wanderverein Bakuninhütte“, der gemeinsam mit den Wander- und Naturfreunden das Gebäude pflegt und vor dem Zerfall bewahrt. Bis 2009 konnten Reparatur- und Sanierungsarbeiten umgesetzt werden, bis das örtliche Bauamt und der Bürgermeister Nutzung und Zutritt untersagten. Vor Gericht konnten die Vereine einen Vergleich erkämpfen und die Bakuninhütte weiter betreiben. Denkmalgeschützt ist sie seit 2015 und damit wertvolles Zeugnis anarchosyndikalistischer Geschichte in Deutschland. Um Spenden wird weiterhin gerungen, denn es muss noch einiges getan werden, damit der Ort wieder seinem ursprünglichen Nutzen als Begegnungsstätte der Bewegung zugeführt werden kann. Übernachtungen zum Beispiel sind laut Bauamt untersagt, da dem Objekt die nötige Infrastruktur fehlt. Zum einhundertjährigen Jubiläum wurde die Feuertreppe fertiggestellt und es folgen noch einige weitere Bauprojekte, wie eine Sammelgrube für Abwasser. Der Aufruf zur Sanierung der Bakuninhütte ist auf der Website auffindbar. Vor einem Jahrhundert gelang es der FAUD Meiningen ein Grundstück trotz bitterer Armut zu erwerben, eine Hütte zu errichten, sie mit einem Erweiterungsbau zu versehen und die Umgebung aufwendig zu gestalten. Zwei totalitäre Systeme haben Jahrzehnte lang dieses Erbe beschmutzt und fast vernichtet und trotzdem vermochten es Wenige die Erinnerung zu bewahren und dieses Zeugnis anarchistischer Kultur konnte sich zurückerobert werden. Nachdem eine Kulturstätte so viel durchgemacht, so viel Geschichte erlebt hat, wird kein Bürokratiemonster der BRD es bezwingen können. Die Datscha leistet achtzehn Jahre lang Widerstand gegen Preußen-Disneyland, dann schaffen wir es, als Bewegung auch der Bakuninhütte zum alten Glanz zu verhelfen. Aufhalten konnten weder der Realsozialismus, noch Faschismus das ewige Streben nach Freiheit. Die BRD und der freie Markt werden ebenfalls in ihrem Versuch scheitern, die Bakuninhütte oder la datscha zu beseitigen. Entweder geht das System vor uns unter, oder stürzt alle mit in den Abgrund.

Viva la datscha. Gut erholt bis zur Revolution.